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Offene Jugendarbeit - stark vernetzt!

Autorin: Mag.a Sabine Liebentritt

Bild: bunte Wollfäden, kreuz und quer

Bildrechte: stock.xchng

Beitrag aus dem Buch „Das ist Offene Jugendarbeit“ – herausgegeben 2008 vom Koordinationsbüro für Offene Jugendarbeit und Entwicklung (www.koje.at) – erschienen im Bucher Verlag Hohenems

Warum sollte sich die Offene Jugendarbeit überhaupt vernetzen?


Gute Frage – Synergien nutzen, Qualität sichern, die Angebote, Methoden und zugrunde liegenden Konzepte qualitativ weiterentwickeln, gemeinsame Fortbildungen entwickeln und besuchen, Know-how-Transfer, gemeinsames Lobbying für die Offene Jugendarbeit und deren Zielgruppen… das sind nur einige wenige Facetten und Schlagworte in diesem Kontext.

1. Einleitung

Das Handlungsfeld der Offenen Jugendarbeit mit seinen flexiblen und lebensweltorientierten Angeboten stellt stets die Ressourcen und Bedürfnisse der Jugendlichen in den Mittelpunkt. Nicht Veränderung oder Anpassung steht im Vordergrund, sondern Akzeptanz und Förderung von Stärken und deren Weiterentwicklung. Die meisten JugendarbeiterInnen können ihren Job so gut im Interesse der jungen Menschen und zum Nutzen der Gesellschaft erfüllen, weil sie eine professionelle Nähe zu den Jugendlichen aufbauen und halten. Und dabei kommt eines manchmal zu kurz, ganz einfach weil die Zeit dafür fehlt: die eigenen Leistungen und die kleinen und großen Erfolge entsprechend wirksam zu „vermarkten“, für Politik, Verwaltung oder die allgemeine Öffentlichkeit sichtbar machen.

Sichtbar machen: Mehr als Tischfußball spielen

Viele JugendarbeiterInnen haben es schon gehört: „Deinen Job möchte ich haben.. ein wenig Tischfußball spielen, Kaffee trinken und mit den Kids quatschen… echt easy…“ Doch was auf die Einfachheit eines Aspekts reduziert wird, kann der Komplexität rund um Beziehungsarbeit, kreative Angebote setzen, Bedürfnisse wahrnehmen, „sinnvolle“ Freizeitgestaltung, Trouble Shooting und Case Management, Jobvermittlung und Nachhilfe geben, Gewaltprävention, Jugendkulturarbeit nicht gerecht werden.

Vernetzung trägt dem simplen Grundsatz „Gemeinsam sind wir stark“ Rechnung. Sie positioniert Offene Jugendarbeit als wichtige Säule in der Begleitung junger Menschen hinein in die Gesellschaft und ins Erwachsenwerden – freiwillig, spaßorientiert, offen – und dennoch nicht willkürlich und nicht ohne Wirkungen. Was Offene Jugendarbeit alles leistet, kann ein starkes Netzwerk sichtbar machen, umgekehrt wird ein starkes Netzwerk den JugendarbeiterInnen und schlussendlich den Jugendlichen Nutzen stiften.


2. Ist-Situation in Vorarlberg

Vernetzung bzw. Netzwerkarbeit hat in der Offenen Jugendarbeit in Vorarlberg eine lange Tradition. Bereits in den 70er Jahren vernetzten sich die AkteurInnen der damals existierenden Jugendhäuser miteinander. Das Ziel war, die Forderung nach autonomer Freizeitgestaltung, nach Freiräumen für Jugend und Jugendkultur gebündelt und gestärkt an Politik, Verwaltung und die Gesellschaft als solche zu artikulieren. Vernetzung war politisch motiviert: Position beziehen, aufzeigen, fordern.

Heute gibt es in Vorarlberg einen anerkannten Dachverband für Offene Jugendarbeit mit dem Vereinsbüro koje – Koordinationsbüro für Offene Jugendarbeit und Entwicklung. Dieser Dachverband wird getragen von seinen Mitgliedern, den Einrichtungen der Offenen Jugendarbeit in Vorarlberg. Neben seiner politischen Funktion im Sinne einer Interessensvertretung für alle Belange der Offenen Jugendarbeit, bilden Positionierung von Offener Jugendarbeit gegenüber SystempartnerInnen und GeldgeberInnen sowie Qualitätssicherung und Qualitätsweiterentwicklung wesentliche Inhalte der Tätigkeiten im Rahmen der koje.
Die koje erfüllt keinen Selbstzweck, sondern erfährt ihre primäre und unmittelbare Aufgabe durch, mit und in den Aktivitäten und Befindlichkeiten der einzelnen Mitgliedseinrichtungen und deren JugendarbeiterInnen.
Die koje ist Vernetzungs-, Service und Koordinationsstelle für die Menschen in der Offenen Jugendarbeit und darüber hinaus im Interesse der Offenen Jugendarbeit Ansprechpartnerin für alle MultiplikatorInnen (z. B. Politik, Verwaltung, Schule, Eltern).
VERNETZUNG bildet den Grundstein aller koje-Aktivitäten – Vernetzung sowohl innerhalb der Offenen Jugendarbeit als auch interdisziplinär, in der Arbeit mit anderen Personen/Institutionen im Kontext von (jugend)kultureller und sozialer Arbeit.

Die Herausforderung und zugleich das Bereichernde im Kontext „Netzwerkarbeit Offene Jugendarbeit“ besteht darin, achtsam mit unterschiedlichen Standpunkten, Sichtweisen und Bedürfnissen umgehen zu können. Vernetzung bedeutet nicht Konformismus und Gleichmachen, sondern vielmehr – sich der Unterschiede bewusst – aufgrund der Gemeinsamkeiten dennoch am gleichen Strang zu ziehen. Im Netzwerk „koje“ finden die in der Jugendarbeit Tätigen „ihren“ Platz: jedeR kann sich gemäß seiner/ihrer Stärken in das Netzwerk einbringen. JedeR trägt seinen/ihren Teil dazu bei und profitiert den eigenen Bedürfnissen entsprechend.


3. Ebenen/Dimensionen von Vernetzung im Kontext der Offenen Jugendarbeit

Grundsätzlich kann man zwischen räumlicher und inhaltlicher Vernetzung unterscheiden.
Bei der räumlichen Vernetzung ist folgende Differenzierung möglich:

•    Regionale Vernetzung
•    Landesweite Vernetzung
•    Bundesweite Vernetzung
•    EU-weite Vernetzung

Die Ebene der inhaltlichen Vernetzung ist etwas komplexer.
Die Person, die sich vernetzt, kann sich innerhalb des Vernetzungssettings als Fachperson und/oder PartnerIn positionieren. Ob die Rolle als Fachperson oder die Rolle als PartnerIn eingenommen wird, hängt von der Situation bzw. der Intention ab.

Zunächst kann auf der inhaltlichen Ebene die Vernetzung innerhalb eines definierten Systems (z. B. System Offene Jugendarbeit) erfolgen oder eben systemübergreifend (z. B. Offene Jugendarbeit und Drogenhilfe und Jugendwohlfahrt und Berufsorientierung).
Bei Vernetzung innerhalb eines Systems stehen gemeinsame Ressourcennutzung, gemeinsame Weiterentwicklung von Themen, gemeinsame Positionierung von Themen nach außen und wechselseitige Kompetenzvermittlung und Kompetenzerweiterung im Vordergrund.
Systemübergreifende Vernetzung hat meist Lobbying und Interessenvertretung,
das Sichtbarmachen von Kompetenzen, Notwendigkeiten und Fachlichkeit, die Erschließung von (neuen) Ressourcen sowie Meinungsbildung und Meinungsänderung zum Ziel bzw. als Folge.

Beim Versuch einer weiteren Differenzierung auf der inhaltlichen Ebene lassen sich zwei weitere Dimensionen von Vernetzung extrahieren: „themenspezifische Vernetzung“ und „intentionsspezifische Vernetzung“. Bei der themenspezifischen Vernetzung geht es primär darum, spezifische Themen weiterzuentwickeln (z. B. Mädchenarbeit oder Jungenarbeit oder Sexualpädagogik). Das themenspezifische Wissen der Personen, die sich vernetzen, fließt zusammen und wird gemeinsam weiterentwickelt. Die sich vernetzenden Personen arbeiten partnerschaftlich miteinander.
Bei der intentionsspezifischen Vernetzung geht es der Person, die sich vernetzt, darum, das eigene Thema/die eigene Position zu vertreten. Das eigene Wissen/die eigene Haltung bildet den Maßstab des eigenen Handelns innerhalb des Vernetzungskontextes. Die Person agiert und handelt und argumentiert als Fachperson.

Die Dimensionen der inhaltlichen Vernetzung sollen folgende Beispiele verdeutlichen:

Vernetzung intentionsspezifisch und innerhalb eines Systems:

Mädchenzentrum Amazone im koje-Vorstand: Wenn es um das Thema „Gender“ im Netzwerk koje geht, positioniert sich die Geschäftsführerin des Mädchenzentrums als Expertin. Sie sensibilisiert zu diesem Thema, ist wachsam und fordert – wenn notwendig – auch entsprechende Weiterentwicklungen.  

Vernetzung intentionsspezifisch und systemübergreifend:

Beirat Berufsorientierung und Jugendbeschäftigung: Die koje hat einen Sitz im Beirat mit dem Ziel die Rolle der Offenen Jugendarbeit im Kontext von Berufsorientierung und Jugendbeschäftigung sichtbar zu machen, zu sensibilisieren und die Fachlichkeit der Offenen Jugendarbeit in dieser Hinsicht zu verdeutlichen und aus der Praxis heraus Forderungen zu formulieren.


Vernetzung themenspezifisch und innerhalb eines Systems:

AG Interkulturelle Jugendarbeit: JugendarbeiterInnen treffen sich regelmäßig, um das Thema Interkulturelle Jugendarbeit, Arbeit mit Jugendlichen mit Migrationsgeschichte zu reflektieren und gemeinsam weiterzuentwickeln.    

Vernetzung themenspezifisch und systemübergreifend:

Eventbegleitung: Offene Jugendarbeit und Drogenhilfe arbeiten partnerschaftlich am Thema Eventbegleitung und entwickeln es gemeinsam weiter.
  

4. Warum vernetzt sich Offene Jugendarbeit?

Wenn sich Menschen miteinander vernetzen, so erfordert das den Einsatz von Zeit, Energie und Know-how. Da ist es nicht verwunderlich, dass die Bereitschaft von Menschen sich zu vernetzen mit dem mit Vernetzung einhergehenden Nutzen korreliert. Ziel einer erfolgreichen Vernetzung ist also eine „Win-win-Situation“ für alle Beteiligten. Doch was sind konkrete Ziele bzw. der Zweck und der Nutzen von Vernetzung?

Betrachtet man die Effekte bzw. die Ziele und die Wirkungen auf der Wissensebene so lässt sich Folgendes festhalten: Vernetzung dient dazu

•    Wissen zu generieren
•    Wissen aufzubereiten
•    Wissen transparent zu machen
•    Wissen zur Verfügung zu stellen bzw. Wissen zugänglich zu machen
•    den eigenen Wissensbedarf zu erkennen
•    sich Wissen anzueignen
•    das Wissen anderer zu interpretieren, in Verbindung zu bringen mit den eigenen Erfahrungen, dem eigenen Handeln und Tun und in adaptierter, individualisierter Form anzuwenden

Auf diese Art und Weise sind mehrdimensionale, multikausale, strategische, konzeptionelle und praktische Veränderungen möglich. Gemeinsames Lernen steht im Mittelpunkt und ermöglicht in der Folge ein Übertragen der Lerneffekte auf das individuelle.

Auf der Kooperationsebene steht für die sich vernetzenden Personen der Know-how-Transfer, die wechselseitige Unterstützung und Hilfe als Nutzen im Vordergrund. Reziproke Beziehungen werden aufgebaut und gefördert. Gemeinsame Projekte, Konzepte, Angebote für die und im Sinne der Zielgruppe werden inspiriert, initiiert und umgesetzt.

Betrachtet man die Positionierungsebene, so wird Vernetzung getragen vom Motto „Gemeinsam sind wir stärker“. Gemeinsame und individuelle Erfolge werden sichtbar gemacht und „vermarktet“. Durch eine gemeinsame Haltung signalisiert man Glaubwürdigkeit und Stärke nach „außen“. Vernetzung ermöglicht so eine gemeinsame, ganzheitliche Weiterentwicklung für „die Sache“. Durch Informationstransfer, Meinungsbildung, durch das gemeinsame Offenlegen von Effekten und der Bedeutung der Offenen Jugendarbeit gegenüber „Dritten“ wird ein Netzwerk zur Vertretungsinstanz und bekommt eine neue gesellschaftliche Dimension: das eigene Wissen, Handeln und Tun wird eingebunden und bekommt einen Platz in einem größeren Ganzen.


5. Fünf Kriterien erfolgreicher Netzwerkarbeit in der Offenen Jugendarbeit

Wie kann Vernetzung in der Offenen Jugendarbeit überhaupt funktionieren? Was benötigt erfolgreiche Netzwerkarbeit? Folgende fünf Aspekte tragen zur Qualität einer Vernetzung bei:

a) Kommunikationskultur

Klarheit über die Art der Kommunikation und des Infotransfers ist gewährleistet. Jede im Vernetzungskontext aktive Person weiß, wie sie welche Informationen woher beziehen kann. Kommunikationsabläufe, Entscheidungsfindung und -umsetzung und alle Ergebnisse sind transparent und nachvollziehbar. Die Informationsvermittlung erfolgt weder eindimensional noch einseitig. Aus der Netzwerkarbeit resultierende Erfolge werden als gemeinsame Erfolge sichtbar gemacht.

b) Kultur des Miteinander

Respekt und die Akzeptanz von Meinungen, Haltungen und Arbeitsweisen bilden die Basis eines erfolgreichen und konstruktiven Miteinanders. Eine ständige Bereitschaft aller beteiligten Personen zur wechselseitige Reflexion und Weiterentwicklung ergänzt den partnerschaftlichen Umgang miteinander.
Dennoch darf eines nicht zu kurz kommen: Spaß. Nur wer sich gerne trifft, wenn man miteinander Spaß haben kann und Spaß machen kann, ist ein Netzwerk auf Dauer erfolgreich. Formelle und informelle Ansprüche an die Netzwerkarbeit halten sich die Waage.

c) Fehlerkultur

Offenheit ist innerhalb eines Netzwerkes wichtig. Und deshalb geht es als VernetzungspartnerInnen nicht nur darum, die eigenen Erfolge darzustellen und sichtbar zu machen, sondern vor allem das eigene Wissen in Hinsicht auf Fehler, Probleme und Herausforderungen zugänglich zu machen. Was hat beispielsweise in einem Projekt wie warum funktioniert und was hat vor allem weshalb nicht funktioniert? Ein starkes Netzwerk bietet den sich vernetzenden Personen den Halt und die Sicherheit, auch Misserfolge zu reflektieren und gemeinsam Lösungsansätze zu entwickeln.

d) Kultur der Inklusion

Die Transparenz über Gemeinsamkeiten in Hinsicht auf Sinn, Nutzen und Ziele erhöht das Gefühl einer gemeinsamen Identität – eine WIR-Netzwerk-Identität kann Unterschiede akzeptieren, fordert keine Homogenität und kein „Gleichmachen“, sondern schafft Platz für die Unterschiede, stellt deren Qualitäten in den Mittelpunkt und verliert dennoch nicht den „roten Faden“, das Gemeinsame. Die Kultur der Inklusion bedeutet nicht Willkürlichkeit und fehlendes Profil, sondern ermöglicht durch Offenheit, Flexibilität, Akzeptanz und das Bewusstsein sich wechselseitig zu ergänzen die Identifizierung von Gemeinsamkeiten dadurch zugleich die Stärkung der Individualität und der eigenen Identität.

e) Veränderungskultur

Netzwerkarbeit ist kein Selbstzweck, sondern steht in direktem Zusammenhang bzw. in Wechselwirkung mit Veränderung und (Weiter)Entwicklung. Ein Netzwerk und die Personen, die im Netzwerk aktiv sind, haben die Bereitschaft Veränderungen zuzulassen – vielmehr noch: Sie wollen Veränderung und Entwicklung und arbeiten gemeinsam daran, Veränderungsprozesse zu initiieren und zu steuern, um die Qualität der eigenen praktischen Arbeit stets weiterzuentwickeln.