Zur Entwicklung einer Politischen Bildungspraxis in der Offenen Jugendarbeit
Autoren: Richard Krisch und Albert Scherr
Projekte und Initiativen zur Beteiligung und Mitbestimmung von Jugendlichen – meist unter dem Titel „Partizipation“ – oder Auseinandersetzungen mit Jugendlichen über Politik nehmen einen wichtigen Platz in der Wiener Jugendarbeit ein. Weil aber politische Bildungsarbeit – so eine Beobachtung – als expliziter Anspruch der offenen Jugendarbeit erstaunlich selten dargestellt und diskutiert wird, finden faktisch zwar politische Bildungsprozesse in der Jugendarbeit statt, dies oft aber unterhalb der Wahrnehmungsschwelle der Öffentlichkeit und auch der Fachkräfte.
In diesen Beitrag werden Essentials der Entwicklung einer politischen Bildungspraxis im Verein Wiener Jugendzentren (im Folgenden kurz VJZ genannt) zusammengefasst . Dabei soll deutlich werden, wie Jugendarbeit ihre Bildungstradition aufnimmt bzw. sich als eigenständige und eigensinnige Bildungspraxis begreift, die „in gleicher Augenhöhe“ mit Schulen und anderen Institutionen kooperiert und dabei Mitgestaltung und Partizipation nicht als losgelöste Projekte, sondern als durchgängiges Prinzip politischer Bildung begreift.
Wir fassen exemplarisch zentrale Blickwinkel und Zugänge eines Seminars mit MitarbeiterInnen der offenen Jugendarbeit zusammen, in dem es um die Erarbeitung eines gemeinsamen Grundverständnisses politischer Bildung sowie um die Entwicklung von Rahmenbedingungen, didaktische Orientierungen und Arbeitsformen für jene Aktionen und Projekte ging, die im anschließenden Teil des Buches dargestellt werden.
(Die umfassende Beschreibung dieses Diskussionsprozesses im Rahmen eines Seminars im Fortbildungsprogramm des VJZ ist ausführlich im Artikel "Politische Bildungspraxis in der Offenen Jugendarbeit. Ideen, Konzepte und Erfahrungen." in: Stureznhecker B./Lindner W. (Hg.): Vom Bildungsanspruch zur Bildungspraxis in der Kinder- und Jugendarbeit. JUVENTA Verlag Weinheim und München, 2004, dargestellt).
1. Rahmenbedingungen, Methoden und Zugänge zur Entwicklung einer entsprechenden Praxis Politischer Bildung
Die Diskussion und Verständigung über Zielsetzungen politischer Bildung setzt geeignete institutionelle Rahmenbedingungen voraus. Neben geeigneten Foren der fachlichen und politischen Auseinandersetzung ist auch ein entsprechender politischer Wille der Fachkräfte und der politisch Verantwortlichen unverzichtbar.
Das politische Mandat der Jugendarbeit
Im Unterschied zu der für Deutschland typischen Zersplitterung der lokalen Trägerlandschaft wird ein erheblicher Teil der offenen Jugendarbeit in Wien von einem städtisch finanzierten Verein getragen, der über ein eigenständiges Fort- und Weiterbildungsprogramm, verschiedenste Arbeitskreise für JugendarbeiterInnen und pädagogische LeiterInnenkonferenzen, eine eigene Zeitschrift, eine Internet-Plattform sowie eine Publikationsreihe verfügt. Dies ermöglicht es, dass für die MitarbeiterInnen nicht nur regelmäßig Veranstaltungen zur Auseinandersetzung mit der Fachdiskussion angeboten werden können, sondern darüber hinaus, dass Einsichten aus solchen Veranstaltungen innerhalb des Vereins aufgegriffen und in die eigene Programmatik und Praxisprojekte übersetzt werden können. Die Erarbeitung des Positionspapiers „Partizipation und gesellschaftliche Teilhabe“, an dem sich alle Einrichtungen beteiligten, aber auch die verschiedenen Projektstränge zeigen exemplarisch, dass ein gemeinsames Verständnis von Politischer Bildung auch eine umfassende inhaltliche Auseinandersetzung voraussetzt. Die thematische Verständigung wird in Wien weiters durch regelmäßige Vernetzungsgremien mit anderen jugendbefassten Institutionen gefördert, so dass Schwerpunktsetzungen wie jener der Politischen Bildung auch auf anderen Ebenen veröffentlicht und diskutiert werden können.
Vorrausetzung für die Entwicklung einer entsprechenden Praxis kommunaler Jugendarbeit ist auch die politische Unterstützung und Förderung. Von Bedeutung ist, dass die politische Gesamtsituation in Wien stark von einer traditionellen sozialdemokratischen Grundorientierung beeinflusst ist, die einem offensiven Selbstverständnis der Jugendarbeit und einem Verständnis von Jugendarbeit als politische Bildungspraxis prinzipiellen Rückhalt bietet. Dies spiegelt sich auch im Selbstverständnis des VJZ wieder, der sich – wie im Leitbild an mehreren Stellen festgeschrieben – explizit den Auftrag zu eigen gemacht hat, politisches „Lobbying für Kinder und Jugendliche“ zu betreiben. Dies zielt gegenwärtig insbesondere darauf ab, einen Ausbildungsplatz für alle einzufordern, die politische Partizipation von Kindern und Jugendlichen zu stärken sowie das Recht auf einen legalen Aufenthalt für alle dauerhaft in der Stadt lebenden Menschen durchzusetzen. Das bereits 2003 verabschiedete Positionspapier wurde mittlerweile überarbeitet und erweitert und ist unter dem Titel „Partizipation und gesellschaftliche Teilhabe“ im Anhang des Buches abgedruckt.
Deutlich wird hier zunächst, dass die Wiener Jugendarbeit, und dies im Unterschied zur dominanten deutschen Wirklichkeit, nicht darauf zurückgedrängt ist, Freizeitangebote und Einzelfall bezogene Hilfen bereit zu stellen, sondern ein politisches Mandat für sich beansprucht und beanspruchen kann. Dies bildet sich auch in den zur Verfügung gestellten Ressourcen zur Erarbeitung gemeinsamer Perspektiven ab. Dabei ist die Erarbeitung eines gemeinsamen Selbstverständnisses grundlegend.
Verständigung: Was heißt politische Bildungsarbeit mit Jugendlichen?
Der Terminus politische Bildung markiert einen Anspruch, ohne dass von vornherein klar ist, was politische Bildung kennzeichnet, d. h. wo die Grenze zwischen dem Privaten und dem Politischen verläuft und wie jugendarbeiterische Grundsätze (Bedürfnis-, Subjekt- und Erfahrungsorientierung, Jugendliche „da abholen, wo sie stehen“ usw.) mit einem solchen Bildungsanspruch in Übereinstimung zu bringen sind.
Gleichwohl ist aber die Ermöglichung von Partizipation aber doch ein konzeptioneller – wenn auch nicht immer hervorgehobener – Schwerpunkt der Jugendarbeit. Denn die Beteiligung Jugendlicher ist ein wichtiges Charakteristikum der Offenen Jugendarbeit: Mit den zentralen Prinzipien der Offenheit, der Freiwilligkeit, der Bedürfnis- und Lebensweltorientierung, der Flexibilität etc. ist die Mitsprache und Mitgestaltungsmöglichkeit der Jugendlichen in der offenen Jugendarbeit bereits festgelegt. Mit der Frage nach den Aneignungsmöglichkeiten ist auch aus dem sozialräumlichen Blick die Frage der Teilhabe am öffentlichen Leben gestellt.
Zu bemerken ist aber, dass nicht vorausgesetzt werden kann, dass JugendarbeiterInnen selbst über ein konsensuelles Verständnis von Politik und politischer Bildung verfügen, auf dessen Grundlage über Erfordernisse und Möglichkeiten der pädagogischen Praxis diskutiert werden könnte. Ein solches gemeinsames Grundverständnis kann aber nicht verordnet oder durch einschlägige ExpertInnen verkündet, sondern muss dialogisch erarbeitet werden.
Zugänge: Was ist politische Bildung?
Exemplarisch wurden die unterschiedlichen Zugänge in einer Befragung von über 20 Teams von JugendarbeiterInnen deutlich. Die Ergebnisse der Befragung (vgl. ausführlich Krisch/Scherr 2004:152ff) wiesen durchaus darauf hin, dass politische Bildung als selbstverständlicher Anspruch und elementarer Teil der Praxis der Jugendarbeit gesehen wird. Die Begriffsbestimmungen bewegten sich zwischen der „Auseinandersetzung mit rechter Ideologie, antifaschistischer Diskussion, Staatsbürgerschaftskunde und damit verbundenem Wissen über politische Strukturen, Parteiprogramme und Parteipolitik, Kampf gegen Ausländerfeindlichkeit, Vermittlung von Toleranz und Akzeptanz etc.“
Einige Teams wiesen darauf hin, dass politische Bildung als eine prozesshafte Auseinandersetzung zu verstehen ist, die darauf abzielt, Jugendliche zu befähigen, „sich eine eigene Meinung zu bilden“: „Politische Bildung ist ein Bildungsprozess, in dem eine intensive Auseinandersetzung mit der persönlichen und gesellschaftlichen Situation erfolgt. Dabei werden die politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Aspekte der Situation näher beleuchtet.“
Weitgehend einheitlich gestalten sich die Antworten auf die Frage der Zielsetzung politischer Bildung. In nahezu allen Beantwortungen lässt sich die Notwendigkeit der Vermittlung des Zusammenhanges „zwischen Politik und eigenem Leben“ erkennen.
Sehr deutlich beschrieb dies eine Einrichtung: „Die Jugendlichen darüber aufklären, dass alle ihre Handlungen meist mit Politik zu tun haben, sei es, wenn sie Arbeit suchen, die Preise beim Einkaufen, das Kulturangebot in der Stadt, in der sie leben, Gesundheitssystem, Pensionen, Freizeitangebote...“ Eine andere Einrichtung formulierte ähnliches als Wirkungsziel: „Die Jugendlichen verstehen ihre eigene Situation und die der anderen vor dem Hintergrund politischer, wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Zusammenhänge und bekommen Unterstützung bei der Gestaltung ihrer Lebenswelten.“
In einigen Formulierungen wird politische Bildung nicht als ein losgelöster Ausschnitt im Rahmen vielschichtiger Bildungsansprüche der Jugendarbeit diskutiert, sondern als selbstverständliche sozialpädagogische Zielsetzung, die mit dem Anspruch der Persönlichkeitsentwicklung und dem Ziel der Erweiterung der (auch politischen) Handlungsfähigkeit übereinstimmt: „Die sozialen, politischen, kommunikativen Kompetenzen der Jugendlichen werden erweitert.“
Genannt wurden auch die Einrichtungen selbst als Ort exemplarischer Mit- und Ausgestaltungsprozesse: „Demokratie lernen – innerhalb des Jugendzentrumsalltags“.
Als Zusammenfassung dieses Diskussionsprozesses wurde ein Modell der politischen Bildung als eine Praxis vorgeschlagen, die im Spannungsfeld zwischen den vier Polen Staatsbürgerkunde, Alltagsorientierung, Menschenrechtsbildung und Demokratieerziehung angelegt ist und die sich als gute Grundlage für die Beschreibung der politischer Bildungspraxis erwies.
Was ist politische Bildung?
- Staatsbürgerkunde
Bildung als Wissensvermittlung: Wie funktioniert die verfasste Politik? - Menschenrechtsbildung
Die Menschenrechtserklärungen als Maßstäbe der Kritik realer Politik
- Demokratie-Erziehung
Die Befähigung Jugendlicher zur Klärung und Artikulation ihrer Interessen und Einübung in demokratische Verkehrsformen - Alltagsorientierung
Das Private ist politisch!
Auseinandersetzung mit den gesellschaftspolitischen Zusammenhängen der eigenen alltäglichen Lebenspraxis, Klärung der je eigenen politisch bedeutsamen Deutungs- und Bewertungsmuster
Die zentralen Elemente der politischen Bildung werden hier auf zwei Achsen dargestellt und beinhalten verschiedene Zugänge und Dimensionen politischer Bildungsprozesse: Die eine Achse heißt „Menschenrechtsbildung“ und geht von Menschenrechten als Norm und Maßstab der Kritik realer Politik aus. Dies ist verbunden mit Demokratie-Erziehung, als Einübung demokratischer Lebensformen auf der Grundlage der Menschenrechte.
Auf der anderen Achse geht es um das Spannungsfeld zwischen Staatsbürgerkunde, verbunden mit der notwendigen Wissensvermittlung, und – dem gegenüber – einer Alltags- und Subjektorientierung, in der Themen aus der alltäglichen Lebenspraxis aufgenommen und in einen politischen Zusammenhang gesetzt werden.
Zur Menschenrechtsbildung:
Menschenrechtserklärungen sind international anerkannte Begründungen die u. a. Anti-diskriminierungsbestimmungen oder das Recht auf Arbeit beinhalten. Dies ist mit der Frage verbunden, was die Menschenrechtserklärungen besagen und welche Maßstäbe der Kritik realer Politik diese enthalten. Von welchem Standpunkt aus entwickeln wir die Kritik? Dies ist bedeutend, weil sich Parteipolitik an diesen Begründungen messen lässt, aber auch die Regeln und gegenseitigen Umgangsformen in einem Jugendzentrum auf dieser Basis diskutiert werden können.
Zur Demokratie-Erziehung:
Dies meint nicht „nur“ die Befähigung Jugendlicher zur Klärung und Artikulation ihrer Interessen. Es geht auch um die Einübung demokratischer Verkehrsformen untereinander und um die Herausbildung eines Selbstverständnisses, Demokratie als Lebensform zu sehen. Dies geht vom Selbstverständnis des Jugendhauses als Ort der demokratischen Auseinandersetzung und der „gelebten Demokratie“ aus. „Demokratie ist das, was du im Jugendzentrum jeden Tag erlebst.“ Dies beinhaltet sowohl ein Klima, in dem „jede/r mit jeder/m redet und ein Argument gelten lässt“, als auch Formen der Partizipation in der Jugendarbeit, in der aber auch die Rahmen der Beteiligung klar festgelegt werden. Es müssen aber auch Strukturen gefördert werden, in denen Jugendliche ihre Interessen auch in Belangen des Stadtteils, des Bezirkes, der Schule etc. artikulieren können. Dazu gehört die explizite Forderung nach SchülerInnenparlamenten, in denen die Themen der Jugendlichen im Zentrum stehen sollten.
Zur Staatsbürgerkunde:
Dieser Zugang zielt auf ein Bildungsverständnis als Wissensvermittlung ab, die aber mit den Methoden der Jugendarbeit entsprechend interessant ausgestaltet werden kann. Auch hier geht es wieder darum sich diese Informationen dialogisch zu erarbeiten und gemeinsam zu diskutieren. Es kann hier darum gehen, wie die verfasste Politik funktioniert, welche Positionen die Parteien vertreten und diese auch mit menschenrechtlichen Grundsätzen zu verbinden. Jugendarbeit kann und soll hier aber nicht schulische Defizite kompensieren.
Zur Alltags- und Subjektorientierung:
Dies bedeutet die Auseinandersetzung mit den gesellschaftspolitischen Zusammenhängen der eigenen alltäglichen Lebenspraxis zu eröffnen und die gesellschaftliche Bedingtheit von Lebenschancen, –entwürfen und –vollzügen („Das Private ist politisch!“) zu diskutieren. Auch die Klärung der eigenen politisch bedeutsamen Deutungs- und Bewertungsmuster bildet politische Bildungsprozesse ab. Alltägliche Problemstellungen von Jugendlichen werden vor dem Hintergrund ihrer gesellschaftspolitischen Zusammenhänge diskutiert. (Beispielsweise ist Arbeitslosigkeit kein privates Einzelschicksal, sondern lässt sich auch politisch erklären. Politische Entscheidungen bilden sich aber auch in Bereichen wie Bildung, Schule, Zivildienst, Umwelt, Geschlechterfragen, Integration etc. im Leben von Jugendlichen nachhaltig ab.
2. Didaktische Orientierungen und Arbeitsformen
Vor dem Hintergrund dieser bedeutenden Zugänge erfolgte eine Verständigung über didaktische Prinzipien einer politischen Bildungsarbeit, die sich am theoretischen Rahmen einer subjektorientierten Jugendarbeit orientiert, d. h. Jugendliche nicht als „zu Belehrende“ versteht, sondern zentral darauf ausgerichtet ist, ihnen Möglichkeiten der Klärung und informierten Reflexion ihrer Erfahrungen sowie angemessene Formen der öffentlichen Artikulation von Problemen und Interessen anzubieten. Die diesbezüglich zentralen Thesen lassen sich stichwortartig folgendermaßen zusammenfassen:
Didaktische Orientierungen
- Bildung und Selbst-Bildung können angeregt und unterstützt, aber nicht bewirkt oder erzwungen werden.
- Jede/r Einzelne ist als gleichberechtigtes politisches Subjekt mit eigenen Erfahrungen, Überzeugungen und Gewissheiten anzuerkennen.
- Politische Bildung ist nicht als Belehrung Unwissender zu konzipieren, sondern als eine Praxis des Dialogs. Dabei ist das Verstehen politischer Deutungs- und Handlungsmuster eine primäre Aufgabe.
- Es ist unverzichtbar, an den konkreten alltäglichen Erfahrungen der Jugendlichen anzusetzen und ihre Gefühle der politischen Inkompetenz und Ohnmacht ernst zu nehmen.
- Ein wesentliches Ziel politischer Bildung ist die Stärkung der Artikulationsfähigkeit derjenigen, die bislang nicht befähigt waren und wurden, sich zu Wort zu melden und ihre Interessen zur Sprache zu bringen.
- Jugendarbeit ist selbst als ein Ort der Erfahrung von Demokratie, Partizipation und der Kultivierung (demokratischer offener und fairer) Formen der Auseinandersetzung zu gestalten. Jugendarbeit sollte die subjektive Erfahrung vermitteln: „Jemand hört mir zu“, „Ich mache die Erfahrung der Anerkennung als Argumentierender/m: „Wenn ich rede hört man mir zu“.
- Es kommt auch darauf an, menschenrechtliche Prinzipien für die Praxis der Jugendarbeit zu konkretisieren, insbesondere Anti-Diskriminierungsregeln mit den Jugendlichen auszuhandeln.
Auf dieser Grundlage wurden folgenden Arbeitsformen als Möglichkeiten politischer Bildung in der Jugendarbeit identifiziert:
Arbeitsformen
- Die genaue Beobachtung und das situationsangemessene Aufgreifen der vorpolitischen „politischen“ Artikulationen Jugendlicher;
- Umformulierung der Problembenennungen und Anregung aktiver Antwortsuche;
- Stärkung subjektiver politischer Kompetenz Jugendlicher durch begrenzte und überschaubare Projekte und Aktionen;
- Unterstützung politisch aktiver Jugendszenen und Angebote der Jugendarbeit als einen relevanten Ort für sie;
- Konfrontation Jugendlicher mit anregenden und irritierenden Bildungsangeboten;
- Das politische Mandat der Jugendarbeit im Sinne einer „Frühwarnfunktion“ und gegebenenfalls der „stellvertretenden politischen Artikulation“ in Anspruch nehmen.
Die Themenstellungen politischer Diskussionen und Auseinandersetzungen werden von Jugendlichen oft nicht explizit formuliert, sondern können mitunter aus den alltagsweltlichen Gesprächen und Auseinandersetzungen generiert werden.
Generative Themen sind dementsprechend Zusammenhänge in denen sich gemeinsame und für die eigene gesellschaftspolitische Situation zentrale Erfahrungen verdichten. Idealtypisch wäre zuerst zu beobachten, was zum Thema gemacht wird, was zentrale Begriffe und Wertmaßstäbe sind bzw. zentrale Problemstellungen und Widersprüche der Lebenssituation zu identifizieren. In weiterer Folge geht es darum Bilder, Situationen und Begriffe in denen sich diese Problemlagen verdichten, zu erkennen und diese Verdichtungen in einem dialogischen Prozess der gesellschaftspolitischen Analyse aufzulösen.
Generative Themen
Bei den Themen, die im Rahmen Politischer Bildung aufgegriffen werden können, wurde im Rahmen des Seminars ein äußerst umfangreiches Spektrum beschrieben. Nahezu überall wird einerseits die Auseinandersetzung mit dem politischen System und den Parteien sowie den Möglichkeiten der Beteiligung am politischen Leben genannt. Andererseits werden aber auch (Aus-)Bildung und Arbeitslosigkeit sowie Jugend- und Bildungspolitik als zentrale Themen politischer Bildungsprozesse mit Jugendlichen beschrieben, weil diese Bereiche große Bedeutung für Jugendliche entfalten. Drei Zitate sollen beispielhaft die verschiedensten Dimensionen möglicher Ansatzpunkte benennen:
„Bezirkspolitik, Wahlen – Wahlalterssenkung, Arbeitsmarktpolitik, Wohnungsmarkt, Gesundheitssystem, Jugendpolitik, Frauenrechte, Jugendrechte, Menschenrechte, Krieg – Frieden, politische Systeme (Diktatur, Demokratie, Königreich, Anarchie...)“ nennt eine Einrichtung; nur einen bestimmten Ausschnitt, der sich „an den konkreten Bedürfnissen“ der Jugendlichen orientiert, „Lehrlingsschutz, Jugendschutz, Schülerrechte, Wahlrechte, kommunale Fragen“, eine andere. „Von der Metaebene herunter brechen und zu Themen gelangen, die relevant sind, beispielsweise: Arbeit(slosigkeit), Frauen- und Mädchenthemen, InländerInnen-AusländerInnen-Debatte“, so wird eine dritte Position umrissen.
Abschließend ist eine Positionsbestimmung über den politischen Bildungsauftrag offener Jugendarbeit formuliert. Dieser lässt sich als ein Ergebnis dieses Prozesses begreifen, in dem versucht wurde, mit den MitarbeiterInnen – von der Klärung der Idee „Politische Bildung“ ausgehend – Ansatzpunkte für eine Weiterentwicklung der politischen Bildungspraxis zu entwickeln und kann eine Diskussionsgrundlage für Teams und teamübergreifende Auseinandersetzungen darstellen.
3. Politische Bildung als Aufgabe der Jugendarbeit
- Politik ist im Alltag von Jugendlichen allgegenwärtig: Sie sind von Arbeitslosigkeit und Lehrstellenmangel betroffen, diskutieren untereinander über politische Großereignisse, verwenden gesellschaftlich zirkulierende Vorurteile und Feindbilder in Konflikten zwischen Cliquen und Gruppen, kritisieren gesetzliche Regelungen des Jugendschutzgesetzes etc. Jugendarbeit kann sich der Auseinandersetzung mit den gesellschaftspolitischen Themen, Problemen und Fragen, die Jugendliche beschäftigen, nicht verweigern, sondern kann diese vielmehr offensiv aufgreifen und geeignete Diskussionsformen unterstützen.
- Dabei liegt unser gesellschaftspolitischer Bildungsauftrag darin, uns den Jugendlichen als Dialog-PartnerInnen anzubieten und sie vom Sinn demokratischer Prinzipien und menschenrechtlicher Grundsätze zu überzeugen. Denn gewaltfreie Konfliktregelung und demokratische Mitbestimmung, Informationsbeschaffung und rationale Auseinandersetzung mit Sachfragen, Toleranz, Solidarität und Antirassismus können nicht angeordnet werden. Der Sinn solcher Grundsätze muss verständlich und erfahrbar gemacht werden.
- Politik wird von Jugendlichen dort als relevant erfahren, wo sie folgenreich ist für die Möglichkeiten ihrer alltäglichen Lebensgestaltung, wo es also um ihre konkreten Alltagsprobleme mit Schule, Arbeit, Familie, Freundschaften, Liebe, Gewalt, Alkohol, Drogen etc. geht. Bildungsarbeit zielt daher darauf ab, Jugendlichen die gesellschaftspolitischen Zusammenhänge deutlich zu machen, also z.B. aufzeigen, dass Arbeitslosigkeit kein persönliches Verschulden und Versagen, sondern ein strukturelles Problem ist oder etwa, dass Rassismus keine Privatangelegenheit, sondern eine menschenverachtende politische Ideologie ist.
- Für die politische Bildung in der Jugendarbeit ist eine dialogische Orientierung grundlegend. Nur wenn es gelingt, die Erfahrungen und Überzeugungen, aber auch die Orientierungsprobleme der Jugendlichen sensibel wahrzunehmen und ihnen glaubhaft zu vermitteln, dass sie von uns ernst genommen werden, besteht die Chance, dass Veränderungsprozesse in Gang kommen.
- Wenn es darum gehen muss, an den alltäglichen Gesprächsthemen, Erfahrungen und Problemen der Jugendlichen anzusetzen, dann bedeutet dies aber keinen Verzicht darauf, Jugendliche in geeigneter Form auch über politische Sachthemen zu informieren. Denn wir beobachten, dass viele Jugendliche nicht über ein einigermaßen fundiertes geschichtliches, politisches und rechtliches Grundwissen verfügen.
- Eine demokratische Gesellschaft ist auf Bildungsprozesse angewiesen, in denen Demokratie nicht nur als abstraktes Bekenntnis dargeboten, sondern als reale Möglichkeit erlebt wird. Jugendzentren – wie auch Jugendarbeit generell – sind deshalb als soziale Räume zu gestalten, an denen lebendige Demokratie alltäglich erfahren werden kann. Sie sind Orte der Mitwirkung und Mitgestaltung, der Auseinandersetzung und Verständigung. Wir sehen eine zentrale Aufgabe darin, Jugendlichen demokratische Gestaltungs- und Experimentierräume anzubieten, in denen sie lernen können, ihre Bedürfnisse und Interessen zu artikulieren, sich mit anderen zu verständigen und an demokratischen Entscheidungsverfahren teilzunehmen.
- Politische Bildung in der Jugendarbeit kann nicht die Aufgabe haben, Jugendliche für bestimmte parteipolitische Programme zu gewinnen. Unterschiedliche politische, moralische und religiöse Überzeugungen, die gesellschaftlich einflussreich sind, müssen auch in der Jugendarbeit zur Sprache kommen können und respektiert werden. Eine Verpflichtung der politischen Bildung auf eine demokratische und menschenrechtliche Orientierung ist aber unumstößlich. Diesbezüglich liegt eine weitere wichtige Aufgabe und eine Chance von Jugendarbeit darin, Jugendlichen die Erfahrung eines Zusammenlebens zu ermöglichen, in dem niemand nach nationalen, ethnischen und religiösen Kriterien sowie aufgrund seines/ihres Geschlechts und seiner/ihrer sexuellen Orientierung diskriminiert wird.
- Jugendarbeit ist weiter – auch im Sinne unserer Auftraggeber – verpflichtet, im Sinne einer politischen Anwaltsfunktion, die Verwirklichung der Grund- und Menschenrechte Jugendlicher politisch einzufordern. Wir beanspruchen ein politisches Mandat, d. h. das Recht und die Pflicht, die Probleme von Jugendlichen, mit denen wir alltäglich konfrontiert sind, öffentlich zur Sprache zu bringen und von politischen EntscheidungsträgerInnen angemessene jugendpolitische Initiativen einzufordern.
Literatur:
Krisch, R./Scherr, A.: Politische Bildungspraxis in der offenen Jugendarbeit. Ideen, Konzepte und Erfahrungen.“ In: Sturzenhecker B./Lindner W. (Hg.): Vom Bildungsanspruch zur Bildungspraxis in der Kinder- und Jugendarbeit. Weinheim und München, 2004
Zu den Autoren:
Krisch, Richard, Mag. Dr., Grundlagenreferent im Verein Wiener Jugendzentren, Lektor Fachhochschule Campus Wien, Bereich Soziales
Scherr, Albert, Prof. habil. Dr. Professor am Institut für Sozialwissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Freiburg
In: Verein Wiener Jugendzentren (Hrsg.): Partizipation - Zur Theorie und Praxis politischer Bildung in der Jugendarbeit. Wissenschaftliche Reiche,
Band V. Wien 2008. S. 54 - 63



