Politische Bildung und Partizipation in der Offenen Jugendarbeit
Autorin: DSAin Martina Eisendle
Die Offene Jugendarbeit ist vielfältig und einem Wandel unterworfen, wie die Lebensphase „Jugend“ auch. Von Beginn an war sie jedoch immer getragen von einer Intention: den Interessen von Jugendlichen, dem Sichtbarmachen der Lebensweltbedürfnisse, ihrer Rechte und Potentiale verpflichtet. Und sobald Interessen sichtbar werden, wird’s politisch. Politik ist ein uns alle umgebender Faktor. In einer pluralistischen Gesellschaft sind die Inhalte von Politik von den Mitgliedern dieser Gesellschaft grundsätzlich und zumindest teilweise beeinfluss- und veränderbar. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist, dass wir die Grundregeln von Demokratie und Politik kennen und verstehen – damit eine realistische Einschätzung über Mitgestaltungs- und Durchsetzungsmöglichkeiten gewonnen werden kann.
Mit der Wahlaltersenkung gelang in Österreich die große Überraschung: die direkte politische Partizipation von Jugendlichen wird Wirklichkeit, Österreich führt als erstes europäisches Land "Wählen ab 16" ein. In der Offenen Jugendarbeit entstehen Projekte, die Jugendliche auf diese Herausforderung vorbereiten möchten. Es wird die Erfahrung gemacht, dass viele Jugendliche sich dieser neuen Möglichkeit der demokratischen Mitsprache nicht gewachsen fühlen. Univ.-Prof. Karlhofer führt in der Studie „Wählen mit 16: Erwartungen und Perspektiven“ die Ablehnung der Wahlaltersenkung bei den betroffenen Jugendlichen auf folgende Bedenken zurück: „fehlendes Wissen“, „mangelndes Interesse“, „politische Unreife“ und „Gefahr von Manipulation“.
Es liegt eine Vielzahl von Methoden und Ansätzen für den schulischen Bereich vor – wie stellt sich dies jedoch im offenen Handlungsfeld dar? Wie kann Vermittlung gelingen, sodass sie für die Jugendlichen „mit dem Leben zu tun hat“? Ein erster Blick auf die Jugendlichen selbst ist notwendig.
Jugend und Politik: das Interesse der Jugendlichen
Auch wenn es vielfach vereinfacht dargestellt wird: Jugend ist nicht homogen – auch in der Offenen Jugendarbeit nicht. „Jugendszenen“ und sich überlagernde, schnelle Welten bestimmen die Lebenssituation von „Jung sein“. Seit Beginn der Moderne bis zur Gegenwart weitet sich der Begriff „Jugend“ immer mehr aus. Jung sein heißt heute vielfach „SchülerIn sein“ – die Ausbildungszeiten verlängern sich, es entstand seit der Industrialisierung und Technisierung ein neuer Lebensabschnitt, der die Jugendlichen in die Situation bringt, die geistige Entwicklung der Kindheit zu übertreffen, jedoch nicht über die ökonomische Selbstständigkeit und Selbstverantwortung zu verfügen, die das „Erwachsensein“ mit sich bringt. Dazu kommt, das sich die Gesellschaft „multioptional“ darstellt – Jugendliche sind einer Überfülle an Wahlmöglichkeiten ausgesetzt, die wiederum von verschiedenen Jugendszenen beeinflusst werden.
Das Institut für Jugendkulturforschung untersuchte in einer Langzeitbeobachtung das Politikinteresse und die Politikdistanz bei Jugendlichen und stellte eine „Typologie“ vor:
Die erste Gruppe sind „Politikdistanzierte“ Jugendliche“: Hier wird zwischen „traditionell“ und „post-traditionell“ unterschieden. Die „traditionell“ motivierten Jugendlichen sind „Politikverweigernde“. Sie machen von ihrem demokratischen Recht, unpolitisch zu sein, Gebrauch. Aussage dazu: „Ich kann mich vielleicht später mit Politik befassen, wenn ich mein Leben auf die Reihe gekriegt habe, aber vorher interessiert´s mich nicht. Vorher habe ich direktere Probleme“. Politik ist hier Dienstleistung. „Post-traditionell“ sind diese Jugendlichen desillusioniert und kritisch, sie sehnen sich nach einer anderen, neuen Qualität von Politik. „Alles nur Bullshit, was da rauskommt: die ganzen Leute, die Politiker… Ich sehe nicht, dass irgendjemand etwas zu sagen hat oder irgendetwas Fettes auf die Beine stellt.“ Die zweite Gruppe sind „Politikinteressierte Jugendliche“: „Traditionell“ gibt es politisch Spezialisierte. Hier finden sich meist männliche Nachwuchsfunktionäre der Parteien. Sie ziehen Engagement und persönlichen Nutzen aus der Tätigkeit. „Posttraditionell“ treten diese Politikinteressierten Jugendlichen als „Lifestyle-linke Antis“ auf und positionieren sich außerhalb der Institutionen: intellektuelle BeobachterInnen, engagiertes Reden ohne zu handeln und Engagement in kleinen sozialen Welten: Stichwort „Subpolitik“.
Was beschäftigt die Jugendlichen?
Die wichtigsten politischen Themen sind „Aufwachsen in der Migrationsgesellschaft“ und „Bildung und Erwerbsarbeit“ als zentrale Inklusions-/Exklusionsfaktoren.
In einer ErstwählerInnenanalyse gaben 32,3 % die Themen „AsylantInnen/AusländerInnen“ als die „für mich persönlich wichtigsten politischen Themen“ an. Dicht gefolgt von „Bildung/Ausbildung“ mit 23,7 %. Die Europäische Union fällt in dieser Befragung mit 7,6 % ziemlich ab. „Das Vertrauen der Jugendlichen in die etablierten Institutionen (Parteien, Parlament etc.) ist, wie die Jugendforschung der letzten Jahre zeigt, gering, so Dr.in Beate Großegger vom Institut für Jugendkulturforschung. Politik gilt bei den Jugendlichen als ein (eher) unmoralisches Metier. Misstrauen, Frustration und Oberflächlichkeit sind die Begriffe, die Jugendliche am stärksten mit Politik assoziieren.
Dimensionen von Politischer Bildung
Univ - Prof. Peter Filzmaier unterscheidet drei Dimensionen: Politische Bildung als Wissensvermittlung – wobei es nicht nur um Weitergabe von Faktenwissen über Politik geht, sondern auch darum, neben den formalen Abläufen politischer Beschlussvorbereitungen und Entscheidungsprozesse auch die realpolitischen Zusammenhänge erkennen zu können. Zweitens: Politische Bildung als Meinungs- und Partizipationsförderung soll die „Entwicklung von politischen Einstellungen, Meinungen und Werten unterstützen“. Zur damit vermittelten politischen Kultur als Grundkonsens zählen „das Interesse an gesellschaftlichen und politischen Fragestellungen, der Aufbau einer österreichischen politischen Identität unter Bezugnahme auf ein demokratisches Gemeinschafts-, Staats-, Politik- und Bürgerverständnis, die Anerkennung demokratischer Grundregeln und die Toleranz gegenüber abweichenden Meinungen bzw. Einstellungen“. Drittens: Politische Bildung als Soziale Kompetenz beinhaltet die „Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, eine Urteilsfähigkeit zu entwickeln und unter vorgegebenen und/oder eigenständig entwickelten Politikoptionen auszuwählen“.
Offene Jugendarbeit als Idealfeld von Politischer Bildung und Partizipation
Alles, was nur irgendwie nach „Schule“ klingt, ist in der offenen Jugendarbeit nicht besonders gefragt. Also bleiben die Dimensionen „Meinungs- und Partizipationsförderung“ und „Verantwortung übernehmen“. Hier hat die Offene Jugendarbeit viel zu bieten.
Die Offene Jugendarbeit hat im Projekt „Offene Jugendarbeit in Österreich bundesweit vernetzt“ eine mehrseitige Begriffsklärung durchgeführt. Offene Jugendarbeit wird als Ort der informellen und non-formalen Bildung bezeichnet. Das „In-Gang-Setzen“ von wesentlichen, nachhaltigen persönlichen und sozialen Bildungsprozessen ist eine besondere Wirkung der Offenen Jugendarbeit. Und als besonders herausgehobene Methoden werden Flexibilität, Prozessorientierung und Kontinuität als Qualitätsmerkmale der Angebote und Methoden der Offenen Jugendarbeit beschrieben. Als besonderes Merkmal (in Abgrenzung zur Verbandlichen und Schulischen Jugendarbeit) wird die Freiwilligkeit, Offenheit (im Sinne von Niederschwelligkeit), Überparteilichkeit, Lebens- und Bedürfnisorientierung, Partizipation, Parteilichkeit und eine „Kultur der 2./3./4. Chance“ beschrieben. Diskursivität ist ein weiteres Merkmal: Starre Regeln gibt es in einem Jugendhaus wenige – das macht es notwendig, dass ständig „neu verhandelt“ wird.
Methoden- und Praxispluralität
In der Offenen Jugendarbeit ist „Freiwilligkeit“ oberstes Prinzip. „Die Angebote und Methoden der Offenen Jugendarbeit bewirken für junge Menschen eine Verbesserung ihrer Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe im Sinne einer aktiven Mitgestaltung. Als Experimentierfeld für dieses Teilhaben begleitet Offene Jugendarbeit junge Menschen darin, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden und wahrzunehmen.“
Im Unterschied zum Feld „Schule“ können die Jugendlichen jederzeit, ohne Begründung den Ort verlassen, müssen sich weder anmelden noch binden. Projekte und Konzepte greifen dort erst dann, wenn sie Jugendliche tatsächlich interessieren und den Lebenswelten entgegenkommen.
Erfahrungen des im Jahr 2008 vom BMGF zur Verfügung gestellten Projektgeldtopfs für „Politische Bildung im offenen Handlungsfeld“ zeigen, dass Projekte dort erfolgreich waren, wo der Grad der Partizipation der Jugendlichen sehr hoch war.
Jeder Konflikt im Jugendhaus ist eine Chance für Partizipation und Demokratie!
Jede/r JugendarbeiterIn kennt das aus der Praxis. Jugendliche haben Konflikte zwischen den Altersgruppen, verschiedene „Nationalitäten“ tragen Raumkämpfe aus, Jugendliche halten Vereinbarungen nicht ein, es gibt Beschwerden von NachbarInnen, die Polizei ist im Haus usw. Das Kultivieren einer Haltung von Konfliktfreudigkeit bei den MitarbeiterInnen der Offenen Jugendarbeit stellt zwar eine große Herausforderung für die Einrichtungen und die einzelnen JugendarbeiterInnen dar, ist jedoch in der Prozesswirkung auf die Jugendlichen von großem Wert. Der Nutzen dabei ist das Üben von demokratischer Partizipation und von selbstverantwortlicher Mitbestimmung. In Konflikten werden Interessen sofort sichtbar, müssen nicht erst herausinterpretiert werden.
Die Chance, die in Konflikten liegt, ist die starke Motivation der beteiligten Menschen. Emotionen sind im Spiel, Leidenschaft. Sie fordern Gerechtigkeit und Beteiligung, Anerkennung und Toleranz. Die Arbeitsweisen von Mediation haben dazu vielerlei geeignete Methoden zur Verfügung gestellt. Oder die Hinwendung zu Methoden zur Klärung von Konflikten, die Eskalation vermeidet und konstruktiv nach der Befriedigung zugrunde liegender Bedürfnisse und Wünsche sucht.
Partizipation und Multimedia-Mix!
Wenn ein vielfältiger Mix an Aktivitäten möglich ist, kommt dies den Jugendlichen entgegen, die oft punktuell bei einer bestimmten Aktion mitmachen wollen und sich nicht langfristig binden möchten. Sehr gut läuft es, wenn gestaltet werden kann: Produkte wie T-Shirts, Buttons usw. Wenn „etwas rausschaut, weitergeht“ – dann sind Jugendliche dabei.
Vielfach wird im Jugendhaus auch Multimedia eingesetzt: so wurde z. B. im Tiroler Jugendhaus „park in“ mit einem Interview-Streifzug durch Hall in Tirol mittels Video Material gesammelt, das als Grundlage einer Podiumsdiskussion zur Verfügung stand – und mit PolitikerInnen und 70 Jugendlichen diskutiert wurde. Die Verknüpfung von Video mit PolitikerInnenbegegnungen ist ein Ansatz, der in der Offenen Jugendarbeit sehr gut umsetzbar ist.
Zwei Einrichtungen der Offenen Jugendarbeit in Lustenau, Vorarlberg, verwirklichten ein Projekt, das die Wahlkompetenz der Jugendlichen steigern sollte. Die Jugendhäuser FULL HOUSE und CULTURE FACTORY entwickelten „Politik on tour – deine Stimme zählt“. Ausgegangen wurde davon, dass die Unsicherheit über den Ablauf einer Wahl für viele Jugendlichen eine Hemmschwelle darstellt. Das Projekt wurde von Anfang an partizipativ durch ein Team von Jugendlichen umgesetzt, die die Rollen von „Peers“ übernahmen. Die Jugendlichen recherchierten einen Fachvortrag und sammelten Hintergrundinformationen zu den verschiedenen politischen Programmen, erarbeiteten selbstständig Plakate und organisierten Diskussionsrunden zum Thema. Mit einer originalen Wahlkabine waren sie an jugendrelevanten Orten unterwegs und organisierten eine „Probewahl“, um ganz nebenbei über alle Fragen, die beim „ersten Mal wählen“ auftauchen können, zu sprechen. Partizipation heißt hier: wenige Jugendliche machen etwas für viele – und werden von den JugendarbeiterInnen dabei unterstützt. Das Projekt wird heuer, im Jahr 2009, weiterentwickelt.
Kreatives Potential von Jugendlichen ansprechen!
Wichtig ist immer, dass mit verschiedenen Sinnen gearbeitet wird und die Jugendlichen sich in irgendeiner Form „verwirklichen“ können. Die Angebote müssen Aufmerksamkeit bei den Jugendlichen erzeugen und eine direkte Relevanz für ihr Leben haben. In den Peergroups müssen diese auf Interesse und Akzeptanz stoßen. Informationsvermittlung funktioniert nur dann, wenn die Informationen selbst recherchiert und in ihrem Tempo, ihrer Zeit aufgearbeitet werden – also selbst gefunden und deshalb lebensweltrelevant sind, und wenn diese Inhalte Jugendliche in ihrer Gruppenzugehörigkeit ansprechen.
Style ist ein wichtiger Faktor – oft scheitern gute Projektideen an einer falschen Präsentationsweise, einer „traditioneller Rhetorik“ oder einer „verstaubten“ Darstellung. Interesse bei Jugendlichen entsteht immer dann, wenn sie emotional angesprochen werden – durch Geschichten, durch Bilder oder durch Menschen, die in irgendeiner Weise mit ihrem Leben zu tun haben.
Begegnungen mit PolitikerInnen ermöglichen!
Einen Begegnungsraum mit PolitikerInnen zu schaffen ist von hohem Nutzen für beide Gruppen. Beide Gruppen, sowohl die Jugendlichen als auch die PolitikerInnen müssen die Chance haben, sich auf diese Begegnung vorzubereiten – sowohl die Jugendlichen als auch die PolitikerInnen brauchen Vorinformationen, wie die Begegnung ablaufen soll. Begegnungsräume sollten kurz laufen und moderiert sein. Als positiv hat sich herausgestellt, wenn es auch die Möglichkeit gibt, ganz „persönliche“ Fragen zu stellen – nicht unter Beobachtung von Öffentlichkeit im Sinne von Medien.
Fazit
Die Offene Jugendarbeit ist bevorzugter Ort für außerschulische Politische Bildung und Partizipation. Auch wenn es den Jugendlichen und JugendarbeiterInnen oft nicht bewusst ist: jedes Artikulieren, Diskutieren, Durchsetzen oder Widerstand-Aufbringen gegenüber unterschiedlichen Interessen ist politisches Handeln. Die Offene Jugendarbeit hat das Potential, die Fachlichkeit, die Methoden und die Orte zur Verfügung, um Partizipationserfahrungen und somit Demokratieerfahrungen zu ermöglichen.
Literatur
Großegger, Beate; Zentner, Manfred (2006): Politik und Engagement. In: Bundesministerium für soziale Generationen und Konsumentenschutz (Hrsg.): Schriftenreihe Jugendpolitik: Themenheft Politik und Engagement.
Wien: BMSG, S. 7-14
Karlhofer, F. (2007) : „Wählen mit 16: Erwartungen und Perspektiven“. In: Forum Politische Bildung (Hrsg.), Informationen zur Politischen Bildung Nr. 27 [onlineversion], www.politischebildung.com
Filzmair, P.(2007): „Politische Bildung: Was ist das“, http://science.orf.at/science/filzmaier/73825 (Stand: 5. 2. 2009)
Rosenberg, Marschall B. (2002): Gewaltfreie Kommuniktation. Aufrichtig miteinander sprechen. Neue Wege in der Mediation und im Umgang mit Konflikten. Paderborn.
Martina Eisendle
invo – service für kinder- und jugendbeteiligung in Vorarlberg. arbeitete in der Offenen Jugendarbeit und Multimedia-Projekte mit Jugendlichen, in der Sozialen Arbeit in Beratung und Gewaltschutzarbeit, Trainerin, Vorträge, Workshops.



