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Erwachsen-Werden heute - Ein harter Job

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Autorin: Sabine Liebentritt


Artikel erschienen in der Ausgabe 1 des Fachmagazins DISKURS
(www.jugend-diskurs.at)

Bild: Ein Grafiti-Slogan auf einer Wand: Still a kid.

Bildrechte: Gerd Altmann Gerald - pixelio.de

Das Jugendalter ist nicht nur eine Phase, es ist ein eigener Lebensabschnitt. Was es tatsächlich nicht gibt, ist die einheitliche Jugend. Jugend bedeutet Experimentieren und inkludiert Suche und Forderung nach Entwicklungs-Freiräumen. Jugendkulturen bieten jungen Menschen den notwendigen Freiraum für das Erwachsen-Werden.

 

Jugendkulturen verstehen – Jugendliche besser verstehen

Jugendkulturen stellen eine Art Alltags- und Leitkultur der Jugendlichen dar. Sie sind Sozialisations- und Orientierungssysteme für heranwachsende, junge Menschen und als soziale Heimat von Jugendlichen formieren sie sich um bestimmte, für Jugendliche attraktive Themen, allen voran Musik, Medien und Sport. Jugendkulturen beziehen sich auf das Freizeitverhalten/die Freizeitwelt des Jugendlichen und fordern Einlass in die Komplexität seiner gesamten jugendlichen Lebenswelt. Somit strukturieren und füllen Jugendkulturen den Alltag von Jugendlichen. Dabei geht es primär nicht um passiven Konsum sondern um Aktivität. Jugendkulturen fordern den Jugendlichen auf, aktiv zu sein und die eigene Lebenswelt engagiert mitzugestalten.

Individualität und Authentizität

Beim Versuch das Jugendalter zu charakterisieren, dominieren zwei Schlagworte: Individualität und Authentizität. Um nun diese Individualität und Authentizität zu zeigen und zu leben, bedienen sich Jugendliche der vielfältigen Ausdrucksformen, die die einzelnen Jugendkulturen prägen. Die Zugehörigkeit zu einer gewissen Jugendkultur dient also dazu, sich mit einer selbst gewählten Ideologie zu identifizieren und sich deutlich abzugrenzen, sowohl von anderen Jugendkulturen als auch von Erwachsenen.
Jugend in den Medien 
 
Um die Lebenswelt von Jugendlichen zu zeigen und nachzuvollziehen, gibt es zwei Herangehensweisen: Einerseits die objektiv skizzierende und die Vielfältigkeit beschreibende Sichtweise unter Berücksichtigung von mannigfaltigen Faktoren und andererseits den subjektiv orientierten Ausschnitt einer jugendlichen Lebensrealität ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder vertiefendes Aufzeigen von Zusammenhängen. Die Art und Weise der Berichterstattung in den Medien stellt ein passendes Beispiel für eine solch einseitige und eindimensionale Erläuterung von Jugendlich-Sein dar. Diese lädt vielfach zu Interpretationen, Spekulationen, Erklärungen und schlussendlich auch zu Vorurteilen ein und kann dem Jugendalter mit all seinen Themen und Herausforderungen nicht gerecht werden.

Opfer oder Täter?

Die Berichterstattung über Jugendliche kann global in zwei Kategorien unterteilt werden:
 
  1. Jugendliche sind Opfer, zum Beispiel von Gewalttaten, von politischen Entscheidungen
  2. Jugendliche sind Täterinnen und Täter, meist in Zusammenhang mit Gewaltdelikten

 

Der große Unterschied liegt in der Aufbereitung der Medienberichte und daraus resultierend in der menschlichen Wahrnehmung dieser: Berichte über Jugendliche in der Opferrolle werden abstrahiert und auf einer Art „Metaebene“ diskutiert. Aus diesen Diskussionen entstehen unmittelbar gesellschaftspolitische Lösungsvorschläge. Es geht dann nicht mehr nur um das jugendliche Opfer, um das damit verbundene Einzelschicksal, sondern um etwas „Größeres“, um etwas „Wichtigeres“. Zunächst wird die Sensationsgier der Publikums befriedigt und anschließend wird „politisiert“.
Berichterstattungen über Jugendliche als Täterinnen und Täter bedienen meist die gängigen Klischees, schüren Ängste und produzieren und rechtfertigen Vorurteile. Nur in seltenen Fällen wachsen daraus konstruktive und realisierbare Lösungsvorschläge. Der jugendliche Täter bzw. die jugendliche Täterin bleibt meist unverrückbar als Täter bzw. Täterin an den Pranger gestellt. Hingegen wird das jugendliche Opfer schnell in das Abseits eines allgemeinen, gesellschaftlichen Problems gedrängt.

Zwischen Kindheit und Erwachsenenalter

Doch JUGEND bedeutet mehr als ein bloßes Reduzieren auf Medienberichterstattungen. Die meisten Menschen durchleben einen Lebensabschnitt, in dem sich die eigene Identität wie ein Puzzle immer wieder auflöst und neu formiert. Experimentierfreudigkeit und Unsicherheit gehen mit sprudelnder Energie und Offenheit Hand in Hand. Es ist eine Zeit des Umbruchs, der inneren und internalisierten Herausforderungen. Assoziationen mit diesem Lebensabschnitt sind beispielsweise alles missverstehende Eltern, laute Musik, bunte Kleidung und Auflehnung ausdrückende Verhaltensweisen. Dieser Extrovertiertheit steht eine Gesellschaft gegenüber, die jugendliche Freiräume auf legalisierte, (video)überwachte, kontrollierbare und klar definierte Örtlichkeiten reduziert. Zwischen diesen gegensätzlichen Polen steht die einfache Frage: Wer bin ich und was will ich?

Ein zunehmend bedeutender Lebensabschnitt

 „Jugendliche decken eine Altersschicht ab, die sich laut Statistik zwischen 14 und 25 Jahren bewegt. Dieses Jugendalter beginnt immer früher und dauert immer länger. Die Grenzen, welche die Jugendlichen einerseits von der Kindheit trennen, die sich durch materielle und gefühlsmäßige Abhängigkeit gegenüber den Eltern auszeichnet, und andererseits vom Erwachsenenalter, das gleichbedeutend mit Autonomie und Verantwortungsbewusstsein ist, verschwimmen immer mehr. Die Verlängerung der Studienzeit und die Tatsache, dass der Start ins Berufsleben immer schwieriger wird und immer später erfolgt, zögern ihre Emanzipation hinaus.“ (Quelle: http://www.diplomatie.gouv.fr/label_France/51/de/dossier.html - Stand 17. September 2006)
Die Jugendphase verläuft heute also vielschichtig und mehrdimensional.
Jugendliche müssen Antworten auf wichtige Fragen finden: 
  • Lehre oder Schule?
  • Will ich eine Familie?,
  • Welche Werte sind mir wichtig?,
  • Was ist meine Sexualität und wie kann und will ich sie ausleben?
 
Jugend bedeutet, sich der eigenen Fragen bewusst zu werden, sich auf die Suche nach Antworten zu begeben und als Kernelement in der Mitte ruht das Experimentieren. Um experimentieren zu können, brauchen und fordern Jugendliche ideelle und reale (Frei)Räume. Und die Art ihres Forderns ist teilweise bereits eine Form des jugendlichen Experimentierens.

Und die Verantwortung der Erwachsenen?

Die Verantwortung der Erwachsenen liegt vor allem darin zu akzeptieren, dass Jugendliche diese Freiräume brauchen. Darüber hinaus lassen sich die Aufgaben der Erwachsenen, gedacht sind hier alle Erwachsene und nicht ausschließlich Eltern, im Kontext von Jugend mit folgenden Worten umreißen:
  • Zuhören und wahrnehmen: Den Jugendlichen ernsthaft zuhören und die Individualität jedes einzelnen Jugendlichen zum Anlass nehmen, gängige Klischees und Vorurteile rund um das Thema „Jugend“ zu hinterfragen und gegebenenfalls zu korrigieren. Offen sein für die Bedürfnisse der heranwachsenden Menschen, diese bewusst wahrnehmen, auch wenn das bedeuten kann, Jugendliche ganz einfach in Ruhe zu lassen.
  • Loslassen und loslösen: Die eigenen Erwartungshaltungen und fürsorglichen „ich weiß, was gut für dich ist“ - Pauschalisierungen loslassen und sich von vorgefertigten, angeblich übertragbaren Lebenskonzepten und Lebensprinzipien und von stigmatisierenden Bewertungen wie „gut“ und „schlecht“ loslösen.
  • Gewähren lassen und anbieten: Werte anbieten – JA, Bewertungen nach dem Gut-Böse-Prinzip - NEIN. Jugendliche brauchen Freiräume, wo sie einfach einmal in Ruhe gelassen werden und sie brauchen Angebote, die sie selbstständig und eigenverantwortlich annehmen, ablehnen oder nach ihren Vorstellungen weiterentwickeln können.


Respektieren und ernst nehmen:
Basis und Begleitung aller erwachsener Handlungen und Haltungen im Umgang mit Jugendlichen und dem Thema „Jugend“ muss RESPEKT sein. Jugendliche respektieren und jeden Jugendlichen in seiner einzigartigen Persönlichkeit ernst nehmen, das sind die wesentlichsten Kriterien für einen gleichberechtigten und nicht-hierarchischen Umgang mit Menschen, die gerade ihren individuellen Weg in Richtung Erwachsen-Sein suchen.